Jeden Herbst findet in einer entlegenen Ecke Georgiens eine der spektakulärsten Tierwanderungen der Welt statt. Getrieben von ein paar Schäfern und ihren zähen Schäferhunden wandern jedes Jahr zehntausende Schafe und Ziegen aus dem tuschetischen Bergland in die wärmeren Täler und Ebenen von Kachetien. Der neuseeländische Fotograf Amos Chapple hat eine Gruppe von 6 Schäfern dabei begleitet, die ihre Herde von 1200 Schafen über den berüchtigten Abano Pass in die Alazani-Ebene treiben. Dabei müssen die 6 Freunde nicht nur den eisigen Temperaturen standhalten, sondern auch lauernde Wolfsrudel und steile Abhänge überwinden.

Die Bergregion Tuschetien liegt im Nordosten Georgiens direkt an den Südhängen des Großen Kaukasus.

Tuscheti Berge in Georgien

Sulkhan Gigoidze ist der Anführer einer Gruppe von 6 Schäfern, welche ihre Herde von etwa 1200 Schafen über den Abano Pass treiben.

Im 17. Jahrhundert wurde das Volk der Tuschen als Dank für tapfere Kriegsdienste gegen die Perser mit Winterweidegründen in der georgischen Alazani-Ebene belohnt. Seit dem werden die Schafherden von Generation zu Generation jeden Herbst über den Abano Pass ins Tal getrieben – und im Frühling wieder zurück in die Berge. Während der langen und anstrengenden Reise fallen viele Schafe den lauernden Wölfen oder Geiern zum Opfer.

Schäfer bei der Arbeit

“I didn’t want to be around people”

Er selbst hat vor einigen Jahren sogar sein Studium an einem technischen Institut für den Job als Schäfer geschmissen.”I didn’t want to be around people”, erzählt er dem Fotografen.

Der Anführer der Bergschäfer

Die gesamte Wanderung durch die Tuscheti Berge dauert etwa 3 Tage.

Schafherde auf dem Weg zum Abano Pass

Sulkhan Gigoidze hat bereits einige Wanderungen dieser Art hinter sich, für ein anderes Gruppenmitglied ist es jedoch die erste Wanderung über den Pass… Georgik der kleine Hundewelpe ist gerade einmal drei Monate alt und der absolute Liebling der Gruppe.

Georgik der Georgische Schäferhund

Der kleine Schäferhund wurde von seiner Mutter abgelehnt und ist deshalb frühzeitig der Gruppe beigetreten. Er ist eigentlich noch zu jung um die Gruppe auf der langen Wanderung zu begleiten, die Schäfer passen deshalb besonders gut auf ihn auf.

Schäferhund in Georgien

Georgische Schäferhunde sind eine alte, kräftige und sehr widerstandsfähige Hunderasse.

Die Schäferhunde werden auf die Farbe und Größe von Schafen gezüchtet, um angreifende Wölfe abzuschrecken. Durch ihr Aussehen ist es aus der Entfernung unmöglich, die Hunde von den Schafen zu unterscheiden. Die Wölfe müssen bei einem Angriff auf die Schafherde also sehr vorsichtig vorgehen. Georgische Schäferhunde sind starke Tiere und besitzen einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Sie sind deshalb perfekt für diesen Job geeignet.

Georgischer Schäferhund (2)

Die Straßen hier oben sind nicht gut für Autos geeignet und werden oft von riesigen Schafherden oder Felsbrocken blockiert.

Fotograf im Auto inmitten der Schafherde

Das älteste Mitglied der Gruppe, Dato Chkhareuli treibt ein paar Schafe zurück, die sich verlaufen haben. Dato ist nicht nur der älteste der 6 Freunde, sondern auch der härteste Trinker. Alle Mitglieder der Gruppe trinken gerne Alkohol und keiner der Männer ist verheiratet.

Der Schäfer treibt die Herde zurück

Die Gruppe nutzt die Chance für eine letzte Rast vor dem schwierigsten Teil der Wanderung. Vor den Schäfern liegt der berüchtigte Abano Pass. Das bedeutet 12 lange Stunden ohne Pausen bis zum Nachtlager auf der anderen Seite der Berge. Die Schäfer essen eine einfache Mahlzeit bestehend aus Brot, salzigem Ziegenkäse und Dosenfisch.

Begleitet wird die Mahlzeit mit Tschatscha, einem sehr starken, georgischen Schnaps. Die Schäfer trinken auf einen verstorbenen Freund, der erst vor kurzer Zeit auf der Straße zum Abano Pass sein Leben gelassen hat.

Georgik ist die Kälte nicht gewöhnt und fängt während der Pause an zu zittern. Zum Glück geht es gleich weiter…

Georgik dem Hundewelpen ist kalt

Direkt nach dem Essen geht es an den Aufstieg. Die Straße über den Abano Pass gilt als eine der gefährlichsten Straßen der Welt.

Sulkhan läuft hinter der Herde her und passt auf, dass keines der Schafe zurückbleibt.

Auf dem 2800 Meter hohen Abano Pass herschen eisige Winde und schlechte Sichtverhältnisse. Die Schafe drängen nach vorne denn sie wissen, dass sie den Pass schnell überqueren müssen. Wenn ein Schaf alleine zurückbleibt, bedeutet das den sicheren Tod.

Etwa 85 % der Schafherde sind weiblich. Die Tuscheti Schafe sind bekannt für ihre Widerstandsfähigkeit.

Nachdem sie den Pass überquert haben, verlassen die Schäfer die Straße und treiben ihre Herde direkt den steilen Abhang hinunter.

Da es bald dunkel wird, startet nun ein Rennen mit der Zeit. Die Schafe müssen so schnell wie möglich die wärmeren Ebenen erreichen.

Die müden Schäferhunde nutzen den langen Abstieg für eine kurze Verschnaufpause.

Der kleine Georgik erzittert und fürchtet sich beim Anblick des Abhanges. Die Schäfer müssen ihn über die besonders Schwierigen Stellen tragen.

Der schwierigste Teil der Wanderung ist endlich überstanden. Die Schäfer möchten jetzt so schnell wie möglich die sichere Baumgrenze erreichen.

Tuschetisches Bergland

Unterhalb der Baumgrenze warten noch einige besonders steile Abhänge auf die Schafe. Die Tuscheti Schafe sind das Leben im Gebirge gewöhnt und können gut klettern.

Nach dem gefährlichen Abstieg suchen sich die Schäfer einen Lagerplatz für die Nacht. Nach etwa 12 Stunden Fußmarsch ohne Pausen, zählt Sulkhan die Verluste der Herde. Acht Schafe haben die Wanderung nicht überlebt. Eine typische Zahl für eine Herde dieser Größe. Wenn ein Schaf wegen einer Verletzung oder vor Erschöpfung stehen bleibt, fällt es schnell den Wölfen zum Opfer.

Bergschäfer im Nachtlager

Ein langer Tag geht zu Ende und die Männer lassen ihn mit unzähligen Tschatscha Shots ausklingen. Am nächsten Tag sind alle erleichtert und das warme Wetter der Ebenen sorgt für gute Stimmung.

Das erste Ziel nach der langen Wanderung ist für die Männer ein kaltes Bier aus dem Dorfladen in der Nähe.

Die Schafe haben ihre Weidegründe erreicht und werden hier bis zum Frühling bleiben.

Auch für den Hundewelpen Georgik geht es im Frühling wieder auf die Reise.

Das nächste Mal wird Georgik ein ausgewachsener und großer Schäferhund sein. Er ist dann zu alt für eine Sonderbehandlung der Männer und schon bald wird sein natürlicher Beschützerinstinkt dabei helfen, die Schafherde vor Wolfsangriffen zu schützen.

Georgischer Schäferhund

Fotos von Amos Chapplerferl.org


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